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Eigentlich ist mit der Überschrift alles gesagt:

STILLE IST HEILSAM.

Aktuell erfahre ich die Kraft der Stille in meinen Unterrichten mit Jugendlichen. Sie alle haben einiges auf dem Buckel: Zerrüttetes Elternhaus, traumatische Erfahrungen, kulturelle und religiöse Ausgrenzung oder auch nur zu viel Druck, dem sie nicht mehr standhalten. So unterschiedlich die Biografien der jungen Menschen sein mögen, alle suchen sie nach einer Perspektive, nach Halt im Leben und nach Schutz. Die Wenigsten geben es zu und vielen ist gar nicht bewusst, wonach sie sich in Wahrheit sehnen.
Meine Aufgabe als Lehrkraft ist es, den Jugendlichen allerhand beizubringen, um sie für das Leben, vor allem das berufliche, zu wappnen.

Wie kommuniziere ich richtig?
Wie erreiche ich meine Ziele, wie setze ich Prioritäten?
Wie gehe ich mit meiner Wut um?
und so fort.

Das aus meiner Sicht Wertvollste, vermittele ich ihnen allerdings außerhalb der Arbeitsphasen. Und zwar zu Beginn und am Ende des Unterrichts, wenn wir Stillsitzen üben.

Beim ersten Mal endete das Ganze in einem Tumult. Die einen wurden aggressiv, weil sie es nicht ertrugen, ruhig zu sitzen und, das war das Allerschlimmste, die Finger vom Handy zu lassen. Andere regten sich über die Unsinnigkeit der Übung auf oder weigerten sich strikt, meinen Anweisungen zu folgen. Einige Wenige gaben ihr Bestes, scheiterten aber bereits nach ein paar Sekunden und gaben ihrem Bewegungs- und Rededrang nach.

Ich blieb hartnäckig. Wieder und wieder übten wir, die Stille auszuhalten.

Und siehe da – der Tumult ebbte ab. Es kehrte Ruhe ein. Fünf Minuten, zehn Minuten, ja sogar 15 Minuten sitzen die sonst so aufgedrehten Jugendlichen mittlerweile da und tun nichts. Sie schauen weder auf ihr Handy, noch schlafen sie mit dem Kopf auf dem Tisch oder rebellieren.

Betritt heute ein Zuspätkommer den Raum, schaut er auf gesenkte Köpfe und geschlossene Augen. Er hört nur das Ticken der Uhr und zwischen den Sekunden ungewöhnliche Stille.

Linse ich schon mal auf „meine Kids“, wie sie so ruhig dasitzen, bin ich ergriffen vom Anblick der sich hebenden und senkenden Brustkörbe. Augenscheinlich beruhigen sich ihre aufgeregten Herzen.

In der Stille ist jeder ganz für sich. Keiner muss sich rechtfertigen oder beweisen, es gibt keinen Machtkampf. Viele der jungen Menschen glauben nicht an sich und meinen, dem gesellschaftlichen Druck machtlos ausgeliefert zu sein. Ich hoffe, dass sie irgendwann spüren, welch ungeheure Kraft in ihnen steckt. Mögen sie erkennen, dass wir alle auf Augenhöhe sind, egal, welchen beruflichen oder gesellschaftlichen Stand wir innehaben.

Ich möchte auch dich dazu einladen, diese heilsame Stille zu erfahren.

Nimm dir jeden Tag ein paar Minuten Zeit, um in die Stille zu gehen. Sitze unbewegt und mit geschlossenen Augen da und lausche urteilslos nach innen, schaue urteilslos nach innen.

Setze die Kraft der Stille auch in konkreten Situationen des Alltags ein.

Wenn du dich mit deinem Partner streitest, legt die Waffen nieder und einigt euch auf eine Zeit, in der ihr nur still dasitzt. Jeder für sich. Setzt euch am besten mit dem Rücken zueinander, damit jeder Raum für sich hat. Bewegt euch nicht, sprecht nicht. Haltet die Stille aus.
Erst, wenn die vereinbarte Zeit abgelaufen ist, öffnet die Augen und sprecht wieder miteinander. Beobachte, ob sich eure Kommunikation verändert hat. Wenn ihr erneut übereinander herfallt, dann macht die Übung nochmal. Diesmal etwas länger.
Versuche, während der stillen Zeit nicht darüber nachzudenken, was du dem anderen gleich um die Ohren hauen wirst. Konzentriere dich ganz darauf, wie der Atem durch deine Nase ein- und ausströmt.

Übrigens genügt es, wenn du die Übung so machst. Sage deinem Partner einfach, du eine kurze Pause bräuchtest. In der Regel verändert sich die Melodie einer Konversation bereits signifikant, wenn einer von beiden einen neuen Ton anschlägt.

Bleibt der Streit trotz allem destruktiv und verletzend, versuche folgendes:

Erwidere auf das Argument des anderen nichts. Lass es so stehen und halte die Stille aus. Nichts sagen ist manchmal kraftvoller als jedes Argument.

Auch in anderen Stressmomenten kannst du die Stille einsetzen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Wenn du zum Beispiel viel um die Ohren hast und nicht weißt, wo dir der Kopf steht, dann setze dich fünf bis zehn Minuten hin, schließe die Augen und tue nichts. Denke vor allem nicht darüber nach, was du als nächstes tun wirst. Hefte deinen Geist an deine Atmung und verfolge sie. Spüre, wie du dich nach und nach beruhigst. Dadurch wirst du klarer handeln und entscheiden können.

Wenn etwas nicht so läuft, wie du es gerne hättest, dann sitze die Sache aus. Tue nichts, um die Situation nach deinen Vorstellungen zu formen. Bleibe ruhig, atme in Ruhe und warte ab.

Aussitzen hat nichts mit Resignation zu tun. Es ist  vielmehr eine Möglichkeit, vom Tun ins Sein zu wechseln und zu erfahren, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, wie sich eine Situation verändern kann. Wir müssen sie nur erkennen. Solange wir immer nach unseren gewohnten Verhaltens- und Denkmustern handeln, bleibt alles beim Alten.

DIE STILLE HOLT UNS RAUS AUS UNSEREM KONDITIONIERTEN TUN UND DENKEN. SIE ÖFFNET UNS FÜR NEUE WEGE, DIE WIR IN DER BETRIEBSAMKEIT NICHT ERKENNEN. DAS, WAS WIR TIEF IN UNS SEHEN UND LAUSCHEN, KANN UNS DAUERHAFT VERÄNDERN.

Alle Methoden des Yoga – ob Körperarbeit, Atemlenkung oder Kontemplation – dienen dem einen Ziel: In die Stille zu gehen. Die Wahrnehmung vom Außen abzuziehen und ruhig zu werden, um die leise Stimme unserer Seele wahrzunehmen.

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Alexandra Majer
Autor

Ich bin Schülerin und Lehrerin auf dem Yogaweg. Ich arbeite als Pädagogin, Autorin und Yogalehrende in Köln und Bonn.
Mein Lebensmotto: Einatmen - Ausatmen.

http://www.yogaraumblog.de/

2 Comments

  1. Nora Hodeige
    Nora Hodeige / 25. Februar 2016 at 11:09 /Antworten

    Was für eine tolle Idee, das Still Sein mit Schulkindern zu üben! Das sollten sie eigentlich alle in der Schule lernen – gerade in der heutigen Zeit. Ständig etwas tun müssen, immer das Handy dabei, immer unterwegs, Freunde treffen und gleich weiter – vom Kindergarten auf den Spielplatz und immer sind die Eltern dabei und erziehen herum 😉 Da würde es gerade den Kindern gut tun, wenn sie von Anfang an lernen würden, auch einmal alleine zu sein und die Stille auszuhalten. Einfach nur Sein! Hach, eine schöne Idee! Klappt aber ja auch bei uns viel zu selten. Aber ich zumindest übe fleißig! Ein so schönes Magazin habt ihr da aufgebaut – herzliche Grüße, Nora

    • Alexandra Majer
      Alexandra Majer / 25. Februar 2016 at 19:57 /Antworten

      Danke für deine positives Feedback liebe Nora. „Alle erziehen an den Kindern rum“ – ja, das stimmt. Ihre eigenen Stimme kennenlernen, das bringt ihnen indes keiner bei. Alles Liebe, Alexandra

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