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Patanjali (Sanskrit पतञ्जलि Patañjali) war ein indischer Gelehrter, der um das 4. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Er hat das Yoga Sutra verfasst, in dem er den achtgliedrigen Pfad des Yoga (Ashtanga Yoga) lehrt. Dieser achtgliedrige Pfad umfasst in konzentrierter Form moralisch-ethische Empfehlungen für das Verhalten sich selbst und anderen gegenüber, Anleitungen zur Atmung und dem richtigen Üben von Asanas sowie eine stufenweise Annäherung an die Erleuchtung.

Die Praxis der verschiedenen Yogahaltungen wie Kobra, Hund und Vorwärtsbeuge, an die viele beim Wort „Yoga“ denken, ist nur eine der acht Stufen des Yoga nach Patanjali. Nach Patanjalis Yoga Sutra endet Yoga nicht, wenn wir von der Matte steigen oder das Yogastudio verlassen – vielmehr ist Yoga eine Lebenseinstellung, ein Entwicklungsweg. Es ist der Versuch, in allen Bereichen des täglichen Lebens die richtigen Weichen zu stellen, um sicher und glücklich durch das Leben zu reisen, sich selbst zu erforschen und schließlich den achten und letzten Schritt zu gehen.

Wenn wir verschiedene Elemente des Yoga üben, werden Unreinheiten beseitigt. Spirituelle Erkenntnis scheint auf und entwickelt sich schließlich zum unterscheidenden Gewahrsein. (Yoga Sutra 2.28 / Skuban)

Die acht Stufen nach Patanjali sind undogmatische Empfehlungen – keine Gebote, die es starr einzuhalten gilt. Zudem gibt es die verschiedensten Interpretationen und Übersetzungen des Yoga Sutra. Jeder Yogi muss für sich selbst entscheiden, wie er das Yoga Sutra auslegt und wie er das beste Ergebnis für sich selbst und die Umwelt erwirkt. Desweiteren gilt: Der Weg ist das Ziel. Jede einzelne der acht Stufen hilft uns dabei, mehr Lebensfreude zu erlangen. Es ist nicht nötig (und auch nicht möglich), die acht Stufen nacheinander zu beschreiten oder gar „abzuarbeiten“. Wir müssen nicht die erste Stufe perfekt beherrschen, um uns an die zweite Stufe heranzuwagen: Zumeist bedingt die eine Stufe die andere oder ergänzt sie.

Der achtgliedrige Pfad nach Patanjali

Die acht Disziplinen im Überblick:
Ashtanga Yoga, Kriya-Yoga (prakisches Yoga)

  1. Yama: Verhalten in unserem persönlichen Umfeld (Fünf Gebote: Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacarya, Aparigraha)
  2. Niyama: Regeln für den Umgang mit uns selbst (Fünf Gebote: Shauca, Samtosha, Tapas, Svadhyaya, Ishvara-Pranidhana)
  3. Asana: Meditationshaltung
  4. Pranayama: Atemübungen
  5. Pratyahara: Zurückziehen der Sinne

Raya-Yoga (königliches Yoga)

  1. Dharana: Konzentration
  2. Dhyana: Meditation
  3. Samadhi: Verwirklichung eines höheren Selbst

1. Disziplin: Yama – Verhalten in unserem persönlichen Umfeld

Diese Regeln sind universell gültig, unabhängig von Status, Ort, Zeit und Umständen. Sie sind das Große Bekenntnis (mahavratam). (Yoga Sutra 2.31 | Skuban)

born-to-be-loved

Die 10 Yamas und Niyamas vermitteln u.a. Empfehlungen, wie wir uns uns selbst gegenüber liebevoller verhalten können.

In der ersten Disziplin gibt uns das Yoga Sutra Empfehlungen zum Umgang mit unserer Umwelt. Da wir nicht alleine und isoliert auf der Welt leben, ist es wichtig, dass wir uns die Auswirkungen unseres Verhaltens auf andere Menschen, Tiere und die Erde bewusst machen und Verantwortung dafür übernehmen. Patanjali zeigt uns anhand von fünf Geboten Möglichkeiten, wie wir uns uns selbst und anderen gegenüber liebevoller und achtsamer verhalten und in Harmonie mit unserer Umwelt leben können:

  1. Ahimsa: Nicht-Schaden
  2. Satya: Aufrichtigkeit
  3. Asteya: Nicht-Stehlen
  4. Brahmacarya: Leben im Bewusstsein um die Quelle, aus der wir kommen
  5. Aparigraha: Nicht-Greifen

Wenn wir diese Verhaltensweisen als festen Teil unserer Person entwickeln, hindern uns keine äußeren Konflikte oder emotionalen Probleme daran, die Reise ins Innere anzutreten.

2. Disziplin: Niyama – Regeln für den Umgang mit uns selbst

Selbsterforschung führt zum inneren Licht. (Yoga Sutra 2.44 | Skuban)

Niyama meint die Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen. Hier werden uns ebenfalls fünf Gebote an die Hand gegeben, die uns dabei helfen sollen, achtsamer mit uns selbst umzugehen und unserem Leben so einen tieferen Sinn zu verleihen:

    1. Shauca: Reinheit
    2. Samtosha: Zufriedenheit
    3. Tapas: Disziplin
    4. Svadhyaya: Selbsterforschung
    5. Ishvara-Pranidhana: Hingabe

3. Disziplin: Asana – Meditationshaltung

Und indem wir alle Anspannung loslassen, können wir uns auf das Unendliche ausrichten. (Yoga Sutra 2.47 | Skuban)

Yoga Meditation

Durch das regelmäßige Praktizieren der Asanas wird der Körper stark und geschmeidig und ermöglicht es uns, längere Zeit im Meditationssitz zu verharren.

Die dritte Disziplin ist die im Westen bekannteste: Asana. All die verschiedenen Yogahaltungen – vom Schulterstand bis hin zur Krähe – sollen laut dem Yoga Sutra stabil und angenehm sein. Sie machen unseren Körper energetisch, flexibel und kräftig und bereiten ihn so auf den Meditationssitz vor. Durch eine regelmäßige Praxis der Asanas ist unser Körper verschiedenen Anforderungen gewachsen und es gelingt uns, längere Zeit in der Meditationshaltung zu verharren und in die innere Stille zu reisen, ohne durch unseren Körper abgelenkt zu werden.

4. Disziplin: Pranayama – Atemübungen

Dann löst sich der Schleier auf, der das Licht des Bewusstseins verdeckt. (Yoga Sutra 2.52 | Skuban)

Pranayama empfiehlt die regelmäßige Praxis von Atemübungen, um die Lebensenergie (Prana), die im Atem enthalten ist, zu lenken und zu fördern. Normalerweise atmen wir „automatisch“ und unbewusst und verlassen uns dabei völlig auf unseren Körper.

Wir haben alle schon einmal die Erfahrung gemacht, dass unser Geist die Atmung beeinflusst: In einer stressigen Situation atmen wir beispielsweise viel schneller und flacher, als wenn wir entspannt sind. Yogis haben zudem herausgefunden, dass die Atmung den Geist beeinflusst. Ein ruhiger Atem fördert einen ruhigen Geist. Im Pranayama atmen wir nicht mehr automatisch, wie wir es normalerweise tun, sondern wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf den Atem und machen uns den Atem bewusst. Die Atemmuskulatur wird mittels verschiedener Techniken gestärkt, dem Organismus wird mehr Sauerstoff und Lebensenergie zugeführt und der Geist wird mehr und mehr in die Aktivität des Atmens einbezogen.
Yogische Atemtechniken sind zum Beispiel:
Ujjayi
Nadi shodhana
Shitali
Kapalabhati
Bhastrika

5. Disziplin Pratyahara – Zurückziehen der Sinne

Pratyahara ist, wenn sich die Sinnesorgane von den Objekten (der äußeren Welt) zurückziehen und gewissermaßen die Natur des Bewusstseins nachahmen. Dies führt zur vollkommenen Kontrolle über die Sinnesorgane. (Yoga Sutra 2.54, 2.55 | Skuban)

In der fünften Stufe des achtgliedrigen Pfades lehrt uns das Yoga Sutra den Rückzug der Sinne, um die Wahrnehmung auf das Innere zu lenken. Oftmals lenken unsere Sinne unseren Geist. Das Auge befiehlt: „Schau dir das genauer an, das sieht interessant aus.“, wir hören etwas, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht oder es steigt uns ein Geruch in die Nase, der uns nicht mehr loslässt. Pratyahara bedeutet so viel wie „mich von dem zurückziehen, was mich ernährt“, das heißt, auf dieser Stufe wird die Verbindung von Geist und Sinnen durchtrennt und die Sinne ziehen sich zurück. Wir kennen eine Ausblendung der Sinne aus dem täglichen Leben, z.B. wenn wir in ein Buch vertieft sind oder eine Tätigkeit besonders konzentriert verrichten. Dann „versinkt“ die Welt um uns herum und wir nehmen nichts anderes mehr wahr. Die Sinne  sind in diesem Zustand sehr wohl in der Lage zu agieren, aber sie tun es nicht. Ohne das Zurückziehen der Sinne ist es nicht möglich, dass wir uns konzentrieren oder meditieren.

6. Disziplin: Dharana – Konzentration

Konzentration ist die Ausrichtung des Bewusstseins auf einen Punkt (ein Objekt, eine Idee). (Yoga Sutra 3.1 | Skuban)

Die sechste Disziplin beschäftigt sich mit der Konzentration und Ausrichtung auf einen Punkt. Dabei kann jedes Objekt – ob konkret oder abstrakt – zum Fixpunkt der Konzentration werden: das Fließen unseres Atems, eine weiße Wand, ein Bild oder der Punkt zwischen den Augenbrauen. In Dharana verweilen unsere Gedanken bewusst bei diesem Objekt. Vor dieser Konzentration verschwinden die anderen Geiste

saktivitäten langsam. Auch wenn es sich einfach anhört – Dharana ist auch für Geübte immer wieder eine Herausforderung, denn der Geist wird sich während der Konzentration immer wieder von dem Objekt lösen wollen.

7. Disziplin: Dhyana – Meditation, Versenkung

Samyama

Die Schritte von Dharana über Dhyana zu Samadhi von T.K.V. Desikachar in „Yoga: Tradition und Erfahrung“. (1) Dharana: Wir richten unseren Geist aus, stellen Kontakt her mit einem „Objekt“. (2) Dhyana: Unser Geist verbindet sich it dem Objekt und hält die Verbindung aufrecht. (3) Samadhi: Unser Geist verschmilzt mit dem Objekt, wird wie Eines mit ihm.

Meditation ist das ununterbrochene Fließen des Bewusstseins in Richtung des ihm präsentierten Objektes. (Yoga Sutra 3.2 | Skuban)

Konzentration, wie in Dharana, der sechsten Stufe, kann zu Meditation werden. Wenn sich der Geist auf ein bestimmtes Ziel ausrichtet (Dharana), kann damit auch eine Verbindung mit diesem Ziel entstehen. Dhyana ist die wahre Meditation, die Versenkung, bei der Körper und Geist ruhen. Von Dharana zu Dhyana und schließlich zu Samadhi ist es ein einziges Fließen und kein abgegrenzter, stufenweiser Übergang, deshalb fasst Patanjali diese drei Prozesse auch mit einem Begriff zusammen: samyama – vollkommene Kontrolle.

8. Disziplin: Samadhi – Verwirklichung eines höheren Selbst

Samadhi ist, wenn das Objekt allein noch in seiner Essenz erscheint, so als wäre es ohne Form. (Yoga Sutra 3.3 | Skuban)

Wenn wir uns von allen Vorstellungen von uns und der Welt loslösen können und es uns gelingt, so sehr in einen Gegenstand einzutauchen, dass unser Geist völlig damit verschmilzt, dann nennen wir das Samadhi. In diesem Zustand werden wir eins mit dem Objekt der Kontemplation, alle Eigenschaften, die unsere Identität ausmachen, verschwinden, ein Gefühl der Einheit mit allem entsteht.. Wir erkennen Dinge in ihrer Reinheit und sind frei von Verfärbungen unseres Bewusstseins.

 

Buch-Tipps zu den Themen Patanjali, Der achtgliedrige Yoga-Pfad und Yoga Sutra:

Zu Patanjali und dem Yoga Sutra gibt es viel Literatur und verschiedene – teilweise sehr unterschiedliche – Übersetzungen und Interpretationen. Wir haben uns diese Bücher angeschaut – und können sie auch direkt empfehlen:





Lydia
Autor

 

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