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Im Yoga setzen wir uns tief mit unseren Gefühlen auseinander. Das führt dazu, dass wir sensibler und empfänglicher für jede Art von Gefühlen, vor allem für die Yoga Liebe, werden. Das ist schön, heilend und gut. Leider führt das oft zu einem Missverständnis zwischen der Liebe, die sich auf das Sein an sich bezieht, und Liebe zu seinem Lebenspartner. Leid, Trennung und Verletzungen resultieren aus dieser missverständlichen Wahrnehmung der Gefühle. Es ist daher sehr wichtig, die drei grundsätzlichen Arten der Liebe deutlich vor Augen zu haben. 

Wem ist bewusst, was Liebe ist? Wir wachsen in einer Kultur und Gesellschaft auf, die uns ein gewisses Bild von Liebe zeichnet, das wir übernehmen. Die Eltern, die soziale Umgebung, Film und Fernsehen vermitteln uns, was wir uns unter Liebe vorstellen. Und dann ist da das innere Bedürfnis geliebt zu werden. Diese beiden Schichten, also die äußere Konzeption von Liebe und die innere Bedürfnishaltung, überlagern sich unbewusst und führen zu einer sehr schwammigen Vorstellung von dem, was Liebe ist. Das Resultat daraus ist häufig, dass man ständig nach Liebe sucht und letztlich gar nicht weiß, was das genau bedeutet. In einer Welt, in der wenig Zeit dafür bleibt, sich seiner eigenen Gefühle klar zu werden, in der Erfolg vor Gefühl geht, ist es daher nicht verwunderlich, wenn wir nur ungenaue Vorstellungen von Liebe entwickeln. Ein Segen für Yoga, denn Liebe kann in der spirituellen Auseinandersetzung mit sich selbst so neu erfahren und geordnet werden.

Liebe als Quelle des Seins

Liebe zu Gott, zum Sein an sich, Shiva, Tao, die Liebe zum Leben, Brahman, das klare Bewusstsein – zahlreiche Begriffe bezeichnen ein Gewahrsein von Liebe als dem Quell allen Seins. Oft wird im Yoga Liebe in Bezug zur Trias Sat (Wahrheit an sich), Chit (Bewusstsein) und Ananda (Glückseligkeit) gesetzt. Was sich auf den ersten Blick noch abstrakt anhört, ist im Leben der meisten Menschen absolute Realität. Wer je im Urlaub auf einer Klippe gestanden hat und einen überwältigenden Ausblick genießen konnte oder ein anderes Naturerlebnis beobachtet hat, das ihm schier die Sprache raubte, hat einen Blick in das geworfen, was man weitläufig Ananda nennt. (Nicht zu verwechseln mit dem Cousin Buddhas)

Auch in sehr vertrauter Intimität mit seinem Lebenspartner kann man Ananda erfahren. Jedoch lauert hier die Gefahr der falschen Beurteilung, indem man das Gefühl einer Begierde dem eigentlich bedürfnislosen Ananda zuschreibt. Hier gibt es einen guten Selbstcheck (siehe svadhyaya), mit dem man prüfen kann, ob man seinen Partner begehrt und am liebsten besitzen möchte oder ob es sich um das Gefühl der allumfassenden Liebe handelt. Stelle Dir vor, wie Du deinen Partner auf der gegenüberliegenden Straßenseite total glücklich mit einer anderen Person beobachtest und siehst, wie sich die beiden in den Armen liegen und küssen. Stellt sich hier sofort und ohne Umschweife Zorn, Eifersucht oder ähnliche negative Gefühlen ein, kannst Du sicher sein, dass es Begierde war, die Du gespürt hast. (Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass man mit jedem ins Bett steigen sollte, bei dem es egal ist, wenn er jemanden anderen küsst. Denn auch dann ist Begierde nach sexueller Befriedigung wohl eher das treibende Motiv als wahres Ananda.)

Deine eigene Liebe

Wenn man streng in der Yoga Philosophie bleibt, ist die eigne Liebe eine Illusion, ein Trick des Egos, Liebe als individuell zu betrachten und ökonomisch im Äußeren zu verorten. Ökonomisch deshalb, weil die meisten von uns davon ausgehen, dass Liebe mit dem „Wert, geliebt zu werden“ zusammenhängt. Wir schreiben bestimmten Personen den Wert zu, geliebt zu werden und anderen nicht. Dieser gedankliche und sich auf das Gefühl niederschlagende Auswahlprozess trennt Liebe ab, als wäre Liebe ein ausgehendes Gut, etwas, womit man sparsam umgehen muss. Damit fängt für uns Menschen ein tragisches Spiel an. Denn die Menschen, unsere Umgebung oder was auch immer wir Liebe über unsere Auswahl zugewiesen haben, wird sich verändern. Menschen kommen und gehen, Gruppen verändern sich, man selbst ändert sich. Und plötzlich ist Liebe nicht mehr ein dauerhafter Zustand, sondern etwas, das wieder vergeht, das plötzlich weg ist. Man fängt an, nach Liebe zu suchen obwohl sie eigentlich immer da ist.

Yoga Liebe als Weg

Die dritte Art der Liebe ist die Arbeit mit Liebe als Weg zur Erleuchtung, Sadhana. Besonders in der Bhakti Tradition wird diese Art der spirituellen Betätigung gepflegt. Liebe als Meditationsobjekt hilft uns, die gefühlte Dualität zwischen einem Selbst und allem was ist aufzulösen. Genauer betrachtet muss man sich die Fragen stellen: Ist das Gefühl der Liebe ein anderes als es eine andere Person fühlt? Liebe lässt uns die Grenzen zwischen den Individuen überwinden. Liebe ist dabei nicht nur etwas, das man fühlt, sondern etwas, auf das man sich bezieht, wenn man es nicht fühlt. Kurz gesagt: Es wird geübt zu lieben. Wenn einen jemand schroff anrempelt, erinnert man sich beispielsweise daran, dass auch dieser Mensch nur nach Liebe sucht, die ihm verschlossen bleibt und man ist froh über die Liebe, die man bisher aufzubringen vermochte. Das mindert die Aversion gegen die Person, die einen gerade angerempelt hat, ganz ungemein.

Wie geht es Euch mit der Liebe in Eurem Leben? Wir würden uns freuen, von Euch zu hören.

Möge dies für alle von Nutzen sein.

Autor

Hier schreibt die Redaktion des Happy Cow Magazins. Wir sind immer auf der Suche nach hilfreichen und spannenden Themen.

http://www.happycowmagazine.de

3 Comments

  1. Uwe Vamdev / 6. Februar 2016 at 9:44 /Antworten

    Liebe Happy Cow Redaktion,

    erst dachte ich, das ist ja schon ganz gut, das mit der Liebe, aber es scheint mir, als fehle doch die Erfahrung dieser Liebe. Denn sie ist als Ursache in allem, ja, also auch im IS-Terrorist, der anderen mit Gusto Köpfe abschlägt. Aber wie geht das denn?

    Sie müsste auch den Aspekt der Natur durchdringen, der sich einen Parasiten einfallen lässt, der kleinen Kindern von innen her die Augen ausfrisst.

    Oder wo ist die Liebe in dem Vater, der seinen Sohn unzählige Knochen bricht und ihn dann im Kühlschrank deponiert?

    Wie funktioniert DA universelle Liebe? Fragt ihr euch das? Sonst sind die Worte dieses Artikels nichts als weitere wohlige Worte, wovon es schon viele gibt. 🙂

    Wie wirkt da die Liebe?

    Von Herzen!

    • Chris / 6. Februar 2016 at 10:37 /Antworten

      Lieber Uwe,

      sicher liebt der IS-Terrorist auch jemanden. Jedoch ist seine Liebe – wie die der meisten Menschen – nur einem bestimmten Kreis an Lebewesen vorenthalten. Liebt er auch die, die er tötet? Das wäre dann aber eine sehr psychopathologische Liebe 🙂 Jemand, der allumfassende Liebe nicht nur als ein Gefühl, das „schwupps“ einfach da ist, wahrnimmt (und somit ökonomisch verteilt und separiert) sondern Liebe als Weg praktiziert, dem wird es wohl schwer fallen, irgend jemandem die Knochen zu brechen.

  2. Vamdev / 6. Februar 2016 at 11:19 /Antworten

    Liebe Happy Cow Redaktion,

    kennst du die Bhagavad Gita? 🙂

    Ich wollte auch noch gerne klarstellen, dass Yoga sicher nicht bedeutet, dass man sich „tief mit seinen Gefühlen auseinandersetzt“. Von woher hast du das?

    Yoga Sutras, zweiter Vers: Yoga ist die Beendigung der unwillkürlichen Bewegungen des Geistes (der Psyche).

    Das ist eine Psychologisierung im westlichen Sinne von Yoga, was nicht funktioniert. Nein, es geht eben NICHT darum, sich intensiv mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, sondern um die Möglichkeit, zu lernen, ihnen nicht mehr ausgeliefert zu sein.

    Mein Meister sagte uns des öfteren: Wie beschäftigt ihr euch so sehr mit euren Gefühlen? Sie sind so flüchtig, dass, während du noch über ein Gefühl der Wut nachdenkst, schon 1000 andere Gefühle durch deine Psyche geflossen sind.

    Oder, habe ich da etwas übersehen? 🙂 Herzlichst….

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