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Viele Menschen – mich eingeschlossen -, die sich mit Meditation und Buddhismus beschäftigen, tun dies, um etwas an ihrem Leben oder an sich selbst zu ändern. Sie haben das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Sie sind unzufrieden, leer, gereizt, erschöpft, frustriert oder auf der Suche und hoffen, durch Meditation wieder innere Ruhe und Frieden zu finden.

Der meiste Druck, den wir im Alltag verspüren, ist hausgemacht – das leuchtet bei genauerer Betrachtung ein. Allerdings reicht das intellektuelle Verständnis, dass man sich einen Großteil der negativen inneren Zustände selbst antut, leider nicht aus, um Verbesserung zu erzielen. Denn obwohl man fleißig meditiert und über buddhistische Texte sinniert, stellt sich der versprochene innere Frieden manchmal nicht ein. Unser innerer Frieden ist abhängig vom Auf und Ab dessen, was Außen geschieht: Läuft es gut – beispielsweise in der Arbeit, in der Familie, in der Beziehung oder im Sport – dann wähnt man sich einen unglaublich zufriedenen Meditierenden. Kaum nehmen aber die äußeren Probleme zu, steigt auch die innere Anspannung und die Meditation bringt nicht ausreichend Ruhe in unseren Alltag.

Was bringt uns aus der Ruhe?

Das größte Hindernis auf dem Weg zum inneren Frieden ist – kurz gesagt – die Eigennützigkeit. Wir unternehmen enorme Anstrengung uns selbst zu heilen, unsere Mitte zu finden und mit uns und unserer Umwelt im Einklang zu leben. Das eigene Wohl steht immer im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Rein moralisch ist das kein Problem, aber die Fokussierung auf uns selbst kann uns davon abhalten, zu Ruhe und Gelassenheit zu finden.

Ein schönes Beispiel, wie uns Eigennutz komplett aus der Ruhe bringt und sich innere Anspannungen einstellen, sind Prüfungen – an der Schule, der Uni, der Weiterbildung oder wo auch immer. In einer Anekdote kommt ein übernächtigter Student vor einer Prüfung am Ende seiner Nervenkraft zu Kodo Sawaki, dem ZEN-Meister, und fragt, wie er mit all diesem Stress umgehen soll. Kodo Sawaki antwortet darauf folgendermaßen:

„Angenommen du fällst durch die Prüfung – was bedeutet das schon, außer dass es genug fähigere Prüflinge gibt als dich? Ist das nicht ein Grund zur Freude? Wenn dagegen so jemand wie du die Prüfung besteht, heißt das, dass es nicht genug Bessere gibt als dich – und dann steht es nicht gut um unser Land!“

Nachdem ich diese Anekdote zum ersten Mal gelesen hatte, dachte ich lange darüber nach. Normalerweise ist unser Ziel genau definiert und heißt „Ich will die Prüfung schaffen“. Dieses Ziel gilt es unbedingt zu erreichen. Und das erhöht den Druck auf uns selbst ungemein. Oft verschluckt das Ziel, die Prüfung zu schaffen, sogar die Möglichkeit, sich ruhig mit dem Stoff der Prüfung auseinander zu setzen.

Was passiert aber, wenn man sich über das eigene Bestehen gar keine Gedanken macht, wenn man sich selbst aus der Gleichung nimmt und für die anderen hofft, dass sie bestehen?

Richtig, dieses Vorgehen vermindert den Druck. Indem man sein eigenes Wohl nicht so wichtig nimmt und durch den Wunsch ersetzt, dass andere Glück haben mögen, erfährt man selbst wesentlich mehr innere Ruhe. Ökonomisch gesprochen ist Egoismus eine Lose-Lose Situation wogegen Selbstlosigkeit ein Win-Win-Geschäft ist. Man hilft anderen und wird selbst ruhiger und gelassener. Das bedeutet keineswegs, dass man seinen Weg aus den Augen verliert oder nie wieder etwas für sich erreichen möchte – es ändert sich einfach die Perspektive, der Weg wird leichter und beschwingter, weil das eigene Wohl nicht mehr im Zentrum steht.

So können wir üben, die Perspektive zu ändern

Im Folgenden habe ich aus eigener Erfahrung vier Situationen angeführt, in denen ich übe, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, und ich hoffe, dass sie auch für euch hilfreich sind.

Gereiztheit im Gedränge

Nervt euch das Gedränge in der U-Bahn, im Bus oder an der Theaterkasse auch so? Die Leute schieben und schubsen und man selbst wird immer gereizter. Mir ging das jedenfalls ständig so, ich war fix und alle, genervt, fühlte mich übergangen und ungerecht behandelt. Je länger ich nicht dran kam oder wenn andere saßen während ich im Gedränge stand, desto schlimmer wurde mein Ärger. Seit einiger Zeit achte ich in solchen Situationen bewusst auf meinen Atem und mache mir klar, dass es nicht nur um mich geht. Ich versuche zu lächeln und anderen zu helfen indem ich meinen schwer ergatterten Sitzplatz anbiete oder anderen den Vortritt lasse. Seitdem komme ich vielleicht nicht so schnell an die Kasse oder aus der U-Bahn – aber dafür bedeutend entspannter, belustigt und häufig noch mit einer netten Begegnung.

Entspannung in Streitsituationen

Ehrlich, die meisten Streitsituationen in Beziehungen – sei es in einer Liebesbeziehung, in der Familie oder mit Freunden – nehmen an Fahrt auf, weil man etwas möchte oder nicht möchte, weil man seine Meinung verteidigt oder den Weg, wie etwas zu laufen hat, vorgeben will. Vielleicht lässt sich nicht jeder Zank umgehen, aber wenn man in einer Diskussion bemerkt, dass man sich immer mehr verkrampft, kann man kurz inne halten und sich klar machen, dass der andere auch Ruhe und Frieden ersehnt und nicht weiß, wie man ihn herstellen kann. Ich lasse dann kurz von dem ab, was ich in der Diskussion zu „erreichen“ versuche und bemühe mich, den anderen zu verstehen und für ihn da zu sein. Das hat meist zur Folge, dass sich die Anspannung schnell legt, sich der andere und man selbst zügig besser fühlt und der große Streit vermieden wird.

Frust im Job

Die meisten werden ihn kennen, den Frust im Job. Sei es als Selbstständiger oder Arbeitnehmer, als Freelancer oder Vice-President: Irgendwann fühlt man sich nicht fair behandelt, nicht wert geschätzt, bekommt ein zu niedriges Gehalt, die falschen Projekte, keinen Urlaub,… „Und warum wird der Müller befördert und ich nicht?“ Die Konkurrenz bremst einen aus oder spielt ein falsches Spiel. Die Möglichkeiten in der Arbeit gefrustet zu sein sind fast unendlich! Frust entsteht dadurch, dass man sich ungerecht behandelt fühlt oder etwas Ersehntes nicht erreicht – das eigene Wohl steht im Zentrum. Darüber kann man unendlich Gedanken wälzen und sicher ist keiner dieser Gedanken positiv. Was passiert aber, wenn man sich um das eigene Wohl, die Gerechtigkeit, die einem widerfährt nicht mehr so sorgt? Wenn man sein eigenes Wohl aus der Gleichung subtrahiert, verliert vieles plötzlich Gewicht und gewinnt Leichtigkeit. Das Gefühl des Frustes ändert sich in eine wohltätige Sorge um andere und man geht wesentlich fröhlicher aus der Arbeit als an dem Tag, an dem man unbedingt die Beförderung erreichen musste.

Augen für Arme

Mein buddhistischer Lehrer erzählte kürzlich: ‚Um zu verstehen, wie sehr das Ego im Zentrum des eigenen Geistes steht, muss man sich nur ansehen, wie man mit Almosen umgeht. Wenn man einem Bettler zwei Euro gibt, denkt man, man ist sehr spendabel und es kommt einem unglaublich viel vor. Wenn man sich selbst aber etwas Gutes tun möchte, indem man sich etwas kauft, sind zwei Euro verhältnismäßig wenig.‘ Und das stimmt. Wie oft habe ich mir einfach so ein neues Album für 8,- EUR gekauft und kam mir hingegen total spendabel vor, wenn ich einen Euro als Almosen berappte. Seitdem ich etwas mehr darauf achte, wie es anderen geht, habe ich auch ein Auge für Bettler, die Hilfe bedürfen. Ich frage sie manchmal, ob sie was zu Essen oder zum Anziehen benötigen, komme mit ihnen ins Gespräch und gebe ihnen aus Mitgefühl wesentlich mehr als früher. Die echte Freude, die daraus entsteht, ist immens und bereichert sowohl das Leben des anderen – hoffe ich – als auch meines. Das wirkt wesentlich nachhaltiger, als ein schnell gekauftes Album, das nach zwei Wochen meist schon langweilig ist.

Ich bin der festen Überzeugung, wir sollten einander wesentlich mehr helfen, uns gegenseitig unterstützen und füreinander da sein; zum Wohle der Gemeinschaft auf diesem Planeten, zum Wohle der anderen und schlussendlich auch zum Wohle für uns selbst. Das kann man als spirituelle Praxis sehen aber auch als pragmatisch aufgeklärten Ansatz für eine bessere Welt.

Mein Buch-Tipp

Ein sehr empfehlenswertes Buch zur Erziehung des Herzens zu mehr Mitgefühl ist das Chögyam Trungpa. Es erklärt präzise, wie man mehr zu innerer Ruhe findet, indem man sich innerlich mehr um andere sorgt und freut als um sich selbst:

photo credit: Giving a hand up via photopin (license)

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3 Comments

  1. KonstanzeQuirmbach / 27. April 2016 at 12:32 /Antworten

    Hi Chris, grade in den letzten Tagen hat mich dieses Thema auch beschäftigt. Ich habe bemerkt, dass ich mich durch Konkurrenz entmutigen ließ – bis ich den Spieß umdrehte und mich über den Erfolg der anderen freuen konnte und begann, neugierig zu schauen, was ich von ihr lernen kann. Damit öffnete sich innerlich für mich eine andere Welt !!!!
    Ichbin dankbar undfühle mich integriert, nicht mehr ungenügend und ausgegrenzt. Der Blickwechsel zieht den Paradigmenwechsel mach sich.

  2. Dr. Pöppel / 22. Mai 2016 at 10:24 /Antworten

    Tja, exakt darüber steht auch viel in der Bibel. Wer auf das Wohl seines Nächsten achtet, der erfährt Entlastung. Man selber ist nicht der Nabel der Welt. Warum also in die Ferne schweifen (Buddhismus ect.), wenn das Gute so nah ist, wie ein altes Sprichwort sagt?

    • Chris / 23. Mai 2016 at 11:14 /Antworten

      Liebe Frau Dr. Pöppel,

      viele Dank für Ihren Kommentar. In der Tat steht in der Bibel sehr viel über Mitgefühl mit anderen. Beispielsweise ja auch das ‚liebe die anderen wie dich selbst‘. Anders herum gibt es auch viele westliche Menschen, die sich mit Buddhismus beschäftigen und so einen anderen Zugang zum Christentum bekamen. Zwischen diesen beiden Religionen bestehen sehr viele Gemeinsamkeiten. Das sehen mittlerweile auch viele Buddhisten so – beispielsweise wird in einigen offenen Traditionen das Gebet des Heiligen Franziskus von Assisi gebetet. Ich persönlich glaube, dass beide ethischen Ansätze darauf abzielen, den Praktizierenden/Gläubigen zu einem besseren Menschen zu machen, der mit sich selbst und seinem Umfeld heilsam umgeht. Es ist doch schön, dass es mehrere ‚Schlüssel‘ gibt, die einem den Zugang zu dieser Ethik persönlich erleichtern. Alles, was ehrlich und nachhaltig dazu beiträgt, diese Welt zu einer friedlicheren, harmonischeren und liebevolleren zu machen, ist meines Erachtens willkommen – ob nah oder fern.

      Herzliche Grüße

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